23. November 2016

„Wir sind erfolgreich, weil unser Produkt an der Spitze steht“

Professor Dr. Andreas Klamt war Abteilungsleiter der Computerchemie beim Chemiekonzern Bayer. Nach einer Umorganisation hätte er dort andere Managementaufgaben übernehmen können. Doch er entschloss sich für einen anderen Weg und gründete das Unternehmen COSMOlogic. Im Interview verrät er, was ihn dazu bewogen hat und wo die Herausforderung bei wissensbasierten Gründungen liegen.0047cosmologic

Was macht COSMOlogic?

COSMOlogic entwickelt und vertreibt eine Software, mit der man Moleküleigenschaften berechnen kann. Unsere besondere Stärke liegt darin, die Eigenschaften in Flüssigkeiten vorherzusagen. Darin sind wir weltweit die Besten.

Wo kommt Ihr Produkt zum Einsatz?

Wenn ein Pharma- oder Chemieunternehmen einen neuen Stoff entwickelt, können wir mithilfe einer quantenchemischen Berechnung vorhersagen, wie er sich in Wasser oder im Lösungsmittel verhält ohne das der Stoff dafür hergestellt werden muss. Hat der Stoff nicht die gewünschten Eigenschaften, können sich die Unternehmen die Entwicklungskosten sparen. Oder das Unternehmen kann durch unsere Berechnungen ein besseres Lösungsmittel für einen bestehenden Prozess finden. Auch das kann Millionen einsparen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Ich habe nach meinem Physikstudium bei Bayer gearbeitet. Dort habe ich gesehen, dass es einen großen Bedarf für eine solche Technik gibt. Es gab bereits Methoden für die Berechnung in der Gasphase, ich habe nach einer Methode für Flüssigkeiten gesucht. Nach der Lektüre eines Papers, auf das mich ein Kollege aufmerksam gemacht hat, kam mir 1991 eine zündende Idee, die ich umgesetzt habe. Unsere Ergebnisse haben wir publiziert und ein Programm zur Verfügung gestellt. Dadurch bin ich an die Weltspitze dieses Forschungsbereichs katapultiert worden. Drei Jahre später habe ich gemerkt, dass ich zwar das effizienteste Modell von allen entwickelt hatte – allerdings waren wir alle von falschen Annahmen ausgegangen. Also habe ich wieder darüber nachgedacht und eine besser fundierte Methode gefunden, in die ich nun sehr großes Vertrauen hatte.

Sie waren bei Bayer festangestellt. Wie ist es dann zur Unternehmensgründung gekommen?

In der Zeit, in der ich die neue Version entwickelt habe, bin ich zunächst zum Leiter der Computational Chemistry bei Bayer aufgestiegen. Später hat Bayer begonnen, die zentralen Forschungseinheiten aufzulösen. Das hielt ich für einen Fehler, konnte es aber nicht verhindern. Meine Mitarbeiter und ich sollten auf andere Geschäftsbereiche aufgeteilt werden. Meine neuen Aufgaben fand ich nicht besonders spannend und so habe ich mir Alternativen überlegt. Eine war, mit meiner Entwicklung ein Unternehmen zu gründen.

Wie hat Ihr Umfeld auf die Entscheidung reagiert, also Sie nochmal von vorne begonnen haben?

Die meisten waren erstaunt. Viele Kollegen haben mir gesagt, dass sie sich das nicht getraut hätten.

Warum haben Sie den Schritt gewagt?

Ich hätte bei Bayer Managementaufgaben übernehmen können – allerdings ohne die Forschung, in der mein Herzblut steckte, fortsetzen zu können. Ich war außerdem davon überzeugt, dass ich mit meiner Entwicklung erfolgreich sein würde. So sah ich die Chance, mich zu verwirklichen. Das hat sich bewahrheitet. Seit der Gründung sind wir linear gewachsen – ich habe im Schnitt einen Mitarbeiter pro Jahr eingestellt. Außerdem habe ich weiterhin den Luxus, 40 bis 50 Prozent meiner Zeit spannende Wissenschaft betreiben zu können.

Sie haben das Angebot von NUK 1998/1999 genutzt. Wie sind Sie darauf aufmerksam geworden?

Bayer hat die Initiative damals gefördert und ein Kollege aus dem Management hat mich netterweise auf die Möglichkeit aufmerksam gemacht, am NUK-Businessplan-Wettbewerb teilzunehmen. So bin ich Anfang Dezember noch eingestiegen und habe auch in den ersten zwei Runden Preise gewonnen. In dieser Zeit habe ich viel gelernt. Durch den Wettbewerb war ich zum Beispiel dazu gezwungen, mir über angemessene Preise, die Zahl potentieller Kunden, und vieles mehr Gedanken zu machen. Das war sehr hilfreich. Ich war allerdings ein untypischer Gründer.

Inwiefern?

Ich hatte bereits ein fertiges Produkt und zwölf Jahre Industrieerfahrung in dem Bereich, in dem ich gründen wollte. Ich kannte meinen künftigen Kundenkreis teils sogar persönlich. Sie sahen mich als ehemaligen Kollegen. Außerdem war meine geplante Unternehmung verhältnismäßig klein. Ich brauchte 20.000 DM Kapital, die ich aus der eigenen Tasche zahlen konnte. Damals war noch die Zeit des Internet-Hypes – die Blase war noch nicht geplatzt – andere haben ganz andere Zahlen aufgerufen.

Glauben Sie, dass eine wissensbasierte Gründung besondere Herausforderungen birgt?

Wir sind erfolgreich, weil unser Produkt an der Spitze steht. Allerdings sind inzwischen immer mehr Menschen der Meinung, dass solche Programme kostenlos und open source zur Verfügung stehen sollten. Das ist für Firmen wie COSMOlogic, die damit Geld verdienen wollen, schwierig. Immer wieder entwickeln andere mit EU- oder US-Förderungen ähnliche Programme, die sie dann kostenlos anbieten. Das führt dazu, dass wir jedes Mal vor der Frage stehen, ob und wie umfangreich wir methodische Fortschritte veröffentlichen. Für die Forschung ist das natürlich wichtig, für uns als Unternehmen aber eher von Nachteil.

Setzt es Sie unter Druck, immer an der Spitze bleiben zu müssen?

Wir haben einen methodischen Vorsprung, der nicht leicht einzuholen ist. Deshalb sind wir gut aufgestellt. Wir nehmen auch an Blindtests teil, also an Wettbewerben, in denen Stoffeigenschaften vorhergesagt werden sollen. Die experimentellen Daten sind dann noch nicht publiziert und alle können sich an dem Wettbewerb beteiligen. Bei vielen dieser Tests ist COSMOlogic der Sieger. Das ist sehr gute Werbung für uns.

Was sind Ihre Ziele für die Zukunft?

Ich möchte mit meiner Methode noch den Drug-Design-Markt erreichen. Ansonsten suchen wir natürlich weitere Anwendungsgebiete und versuchen uns immer weiter zu verbessern. Langfristig will ich die Firma natürlich auch so aufstellen, dass sie ohne mich bestehen kann. Aber bis dahin vergehen hoffentlich noch zehn bis zwölf Jahre.

Bald startet die NUK-Gründer-Akademie. Welchen Rat haben Sie?

Es kommt immer wieder vor, dass Mitarbeiter großer Firmen tolle Ideen entwickeln, die dann jedoch nicht umgesetzt werden, weil sie nicht ins Firmenkonzept passen. Diesen Menschen möchte ich raten, mal zu kalkulieren, ob man die Idee nicht erfolgreich in einem eigenen Unternehmen umsetzen kann. Zu viele gute Ideen gehen verloren, weil sie nicht ins Firmenkonzept passen und nur deshalb nicht zur Anwendung kommen. Das ist schade für unsere Wirtschaft.


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