18. August 2015

„Der Verbraucher soll keine Lebenszeit beim Recherchieren vergeuden“

An ein eigenes Unternehmen haben die Gründer von SEMPRIA anfangs nicht gedacht. Doch als sie merkten, dass ihre akademischen Entwicklungen einer bedeutungsorientierten Suchmaschine Nutzern bei realen Problemen helfen könnte, wagten sie den Schritt – und haben ihn bis heute nicht bereut, erzählt Sven Hartrumpf im Interview. 

Sven Hartrumpf von SEMPRIA

Sven Hartrumpf rät Gründern, die drängendsten Probleme im Blick zu haben

Was macht SEMPRIA? 

Wir haben eine bedeutungsorientierte Suchmaschine entwickelt, die wir ständig optimieren. Die vermarkten wir in deutschsprachigen Ländern. Dazu kommt, dass wir die Suchmaschine an die technischen und/oder (fach)sprachlichen Besonderheiten beim Kunden anpassen.

Was ist das Besondere an einer bedeutungsorientierten Suchmaschine? 

Standard-Suchmaschinen sehen Suchanfragen und zu durchsuchende Dokumente als Ansammlung von Wortformen an. Bei unserer sprachverstehenden Suchmaschine steht die Bedeutung der Anfrage und der Dokumente im Vordergrund. Daher kann man unsere Suchmaschine SEMPRIA-Search auch bedeutungsorientiert nennen. Die Bedeutung von Anfragen und Dokumenten stellen wir in einem ausgeklügelten computerlinguistischen Formalismus dar. Der Witz bei der sprachverstehenden Suche ist nun Zweierlei.

1. Zu einer Suchanfrage können automatisch Dutzende oder Hunderte von (fast) gleichbedeutenden Anfragen erzeugt werden. Diese liefern dann viele Treffer, die bei der Standard-Suche fehlen, und damit höhere Vollständigkeit. Beispiel: Die Such-Anfrage „Lincolns Tod“ findet auch „Lincoln … Er fiel einem Attentat zum Opfer.“

2. Da Bedeutungsdarstellungen verglichen werden, die auch die Beziehungen zwischen Konzepten wie „Lincoln“ und „Attentat“ enthalten, können viele falsche Treffer der Standard-Suche vermieden werden (damit höhere Genauigkeit). Beispiel: Die Standard-Suche liefert auf den DRadio-Wissensnachrichten zur Anfrage von oben nur einen Treffer: „Kim Jong Il nutzte Wagen des Klassenfeinds bis zum Tod … Bei dem Wagen handelte es sich um einen Lincoln Continental“. (Wir nennen solche Treffer gern „Radio-Eriwan-Treffer“, in Analogie zu den „Radio-Eriwan-Witzen“.)

Wie ist die Idee dazu entstanden? 

Die Gründer von SEMPRIA haben 2004 an einem Suchmaschinen-Wettbewerb im europäischen Forschungsrahmen in Bath teilgenommen. Da wurde uns in der idyllischen, südenglischen Stadt schlagartig durch die Evaluierungsergebnisse klar, dass das, was wir uns an der FernUni Hagen ausgedacht hatten, den traditionellen Such-Produkten weit überlegen sein könnte. Andererseits dachten wir auch an die Nutzerschaft: Sie sollte doch von den neueren Forschungen profitieren und weniger Lebenszeit beim Recherchieren vergeuden!

Wollten Sie schon immer Unternehmer werden? 

Für mich persönlich war es eine recht späte Berufung, die sich an dem Aha-Erlebnis beim oben genannten Suchmaschinen-Wettbewerb festmachen lässt. Ich fragte mich: Kann man die akademischen Ergebnisse nicht zu einem Produkt machen, das echten Nutzern bei realen Problemen hilft? Meine Antwort ist auch nach über zehn Jahren ein klares Ja!

UnternehmenSEMPRIA
Wettbewerbsteilnahme2008/ 09
Gründungsjahr2009
UnternehmenssitzDüsseldorf
Mitarbeiterzahl6

SEMPRIA wurde 2009 gegründet – wie hat sich das Unternehmen seitdem entwickelt? 

Wir sind zwar langsam, aber recht stetig gewachsen. Da wir kein fremdes Kapital eingeworben haben, mussten wir das Wachstum durch Gewinne aus Produkten und Projekten realisieren. Letztes Jahr waren wir dann so groß, dass wir eine neue Bürofläche in Düsseldorf-Flingern bezogen haben.

Wie können Sie sich gegen andere Suchmaschinen behaupten? 

Sie denken jetzt bestimmt an Web-Suchmaschinen; mit denen konkurrieren wir (noch) nicht, weil die Algorithmen aus dem Sprachverstehen momentan noch ein bisschen zu aufwändig für die Anwendung auf das gesamte Web sind. Stattdessen bieten wir unsere Suche als Site-Search an, also als Suchbox auf einzelnen Websites, als Intranet-Suche und neuerdings auch als Nachfilterung für Websuchmaschinen-Ergebnissen. So können wir zehn Seiten mit Websuchmaschinen-Treffern oft auf ein bis zwei relevante Seiten ohne Werbung reduzieren, sodass man schneller die guten Treffer erkennt.

Wie sind Sie mit Herausforderungen umgegangen?

Da alle Gründer aus einem Uni-Umfeld kamen, musste jeder sich in einige Bereiche einarbeiten, mit denen man sich bisher nicht oder kaum auskannte (z.B. Steuern für Unternehmen, AGB, Angebots-Erstellung). Wir haben das immer recht pragmatisch gelöst, indem jeder sich ein paar Spezialitäten ausgesucht hat. Außerdem haben wir externe Berater herangezogen.

Wie wurde die Gründung finanziert? 

Ganz solide und konservativ: durch Kapital aller Gründer und den Gründungszuschuss für zwei der Gründer.

Was sind Ihre nächsten Ziele? 

SEMPRIA ist eine bedeutungsorientierte Suchmaschine

SEMPRIA ist eine bedeutungsorientierte Suchmaschine

Es gibt da zwei sehr unterschiedliche Ziele. Zum einen wollen wir unseren Schwerpunkt bei der Sprachtechnologie von Deutsch auf Englisch ausdehnen. Zum anderen wollen wir Anwender finden, mit denen wir unsere bedeutungsorientierte Suche eine Größenordnung größer als bisher verfeinern können. Wir haben gute Erfahrungen mit Archiven bis zur Größe der deutschen Wikipedia (momentan ca. 70 Millionen Sätze) und werden nun auch Dokumentensammlungen mit Milliarden von Sätzen effizient und intelligent recherchierbar machen.

Wie haben die Gründer von SEMPRIA von NUK profitiert? Welche Angebote haben Sie genutzt? 

Wir sind leider erst spät in die NUK-Runde 2008/2009 eingestiegen, da wir die Initiative zu spät gefunden haben. Daher konnten wir nur einen kleinen Teil der Angebote nutzen. Aber selbst das war klasse! Zum einen natürlich die Fachvorträge, zum anderen aber auch die Coaching-Abende; da haben wir bei mehreren Gesprächen erstaunt festgestellt, dass manche Berater so gar nicht zu unserem Unternehmen passten und mancher ganz ideal. Mit einem der NUK-Berater arbeiten wir auch nach sechs Jahren gern zusammen. Die Hilfe beim Businessplan-Schreiben und die Gutachten sind dann natürlich die Krönung.

Im Herbst beginnt die neue NUK-Gründer-Akademie. Was können Sie den Teilnehmern an Ratschlägen mit auf den Weg geben? 

Nicht verzetteln. Haben Sie stets die zwei bis drei drängendsten Probleme im Blick und überdenken Sie die Prioritäten regelmäßig (mindestens monatlich). Bei den kleineren Problemen seien Sie ruhig mutig und verschieben Sie deren Thematisierung, besonders wenn Ihre Firma den Schaden selbst im schlimmsten Szenario verkraften kann. Sammeln Sie möglichst früh Feedback aus Ihrem Markt und richten Sie Ihr Produkt genauer aus.


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