4. Juni 2008

Zu gut um ignoriert zu werden – Themenabend “Web 2.0 – Blase oder Big Business?”

Über 40 oft interessante Konzepte aus dem Bereich Internet wurden im laufenden NUK-Businessplan Wettbewerb 2008 eingereicht – allein in Stufe 2 machte ihr Anteil fast 38 Prozent aus. Das verdeutlicht das Potenzial, das viele künftige Unternehmer derzeit scheinbar im Web 2.0 sehen.
Das Mitmachnetz und die deutsche Gründerszene – wie geht es weiter?
Bringt der Trend schon bald weitere junge Millionäre und Erfolgsgeschichten hervor oder droht das Ende des Hypes und die nächste Tristesse? Dies versuchten wir bei einer Sonderveranstaltung am 03. Juni 2008 in Köln zu klären.
Constantin Gillies, Diplom-Volkswirt, Buchautor und freier Wirtschaftsjournalist, eröffnete als ausgewiesener Branchenintimus den Abend mit einer Bestandsaufnahme zur Internetwirtschaft. Als „Advocatus Diaboli“ hatte er seine Präsentation nicht nur mit Engelsflügeln und einem teuflischen Dreizack bebildert, sondern auch die Diskussion zur Leitfrage des Abends in eine optimale Startposition gebracht. Sein Befund: Zwar boome der E-Commerce momentan noch, aber andererseits habe mit Blick auf große Social Communities wie Facebook oder auch XING möglicherweise der Abstieg schon begonnen – deren Userzahlen stagnierten oder sänken bereits. Außerdem brächten nur wenige der bekannten Web 2.0-Unternehmen wirklich Geld ein.
Wie steht ein Internet-Unternehmen, das am Ende der ersten New Economy-Welle noch in den Babyschuhen steckte und heute die globale Handelsplattform für Domains ist, zur aktuellen Entwicklung? Marius Würzner, Gründer und Geschäftsführer der Sedo GmbH, Teilnehmer am NUK-Businessplan-Wettbewerb 2001 und Alumni-Sponsor unseres Verbandes: „Wir reagieren eher zurückhaltend auf das Web 2.0, trotz der natürlich hohen Internetaffinität unserer Firma.“ Zwar gebe es auch bei Sedo entsprechende Weiterentwicklungen – z.B. wurde ein RSS-Feed eingerichtet –, aber aus seiner Sicht müsse man das Mitmachnetz erst noch genauer beobachten, etwa sei ein fundamentales Umdenken in Sachen Kundenbeziehungen nötig. Würzners Warnung an Gründer außerdem: „Solange ich die Frage nicht beantworten kann, womit man Geld verdienen will, muss man sich nicht wundern, wenn keiner investiert.“

Ein schwachbrüstiges Monetarisierungsmodell hatte auch Konstantin Ewald, IT-Rechtsexperte bei Osborne Clarke, als eines der Hauptprobleme von blasigen Startups ausgemacht. Aber auch auf Kapitalgeberseite seien Fehler gemacht worden: „Investoren ohne Branchenkenntnis haben lange in alles Geld gesteckt, was das Web 2.0-Label trägt.“ Auch seien viele dieser Unternehmen oft viel zu hoch bewertet worden – der wahre Wert zeige sich schließlich erst beim Börsengang. „Viele der Web 2.0-Angebote sind außerdem viel zu kompliziert. Ich muss mich doch da gleich wohlfühlen, wenn ich als Nutzer zum Mitmachen angeregt werden soll!“, legte Ewald an Kritik nach. Seiner Einschätzung nach müsse man sich zudem schon früh eine Exit-Strategie zurecht legen – und damit meinte er nicht die der Web 2.0-Unternehmen, die inzwischen tatsächlich ihre Plattform für meist unter hundert Euro bei eBay anböten…

Als Vertreter der Investorenseite wittert Jörg Binnenbrücker, Geschäftsführer von DuMont Venture, hier aber immer noch vereinzelt das große Geschäft – zumindest bei Ideen aus dem Medienumfeld. Mit Verweis auf die soeben in ein Open Source-Projekt umgewandelte Facebook-Entwicklerplattform wandte er allerdings ein: „Heute kann sich jeder in 45 Minuten ein Internetgeschäft einrichten – das ist ein Problem! Klar ist das eine riesige, schaumige Blase!“ Für Binnenbrücker hängt auch viel von der Unternehmerpersönlichkeit ab: „Es ist wichtig, dass Entrepreneurship bei den Gründern da ist.“ BWL-Know How sei dabei ebenso wichtig wie ein gut gemischtes Team und Leidenschaft für das Projekt.  Wie man nun das Interesse von VC-Gebern weckt? „Be so good they can’t ignore you!”, zitierte Binnenbrücker den Internet-Pionier Marc Andreessen.

Diesen Rat scheint Dr. Thomas Goette, Gründer und Geschäftsführer der Freundliche Netzwerke GmbH, bisher ganz gut umzusetzen: „Ignoriert werden wir nicht, immerhin stehe ich heute Abend hier!“ begann er die Schilderung seiner Erfahrungen mit der „lupenreinen Web 2.0-Gründung“ woobby. Auf dieser eigenfinanzierten Online-Plattform können die Nutzer ihre Leidenschaften, Erfahrungen und Meinungen in Form von individuellen Ranglisten teilen und somit vergleichen. Die Mission: neben reiner Unterhaltung Struktur für eine komplexe Welt bieten. Und der Bedarf hierfür ist offenbar groß: Schon sechs Monate nach dem Start im Oktober 2007 hätten sich die Besucherzahlen verzehnfacht, der Zulauf wachse stetig. „Vor allem über Suchmaschinen kommen viele Nutzer zu uns. Bei uns finden sie z.B. Tipps zu den besten Rotweinen oder den schönsten Badeseen im Kölner Raum“, so Goette.

Im Anschluss an die Einzelvorträge entwickelte sich ein überaus reges Frage-und-Anwort-Spiel zwischen den rund 120 Gästen und den Referenten. Viele wollten z.B. mehr über woobby wissen, und auch der potenziell große Markt für Angebote für Senioren und Best Ager im Netz war hier ein Thema.  Eine weitere Zuhörerfrage führte zu einem Exkurs zum wirtschaftlich sehr interessanten Gaming-Bereich – browserbasierte, interaktive Spiele sind weltweit stark im Kommen und damit auch die entsprechenden Geschäftsideen wie die der Kölner Turtle Entertainment, Betreiber der größten Liga für Computerspieler in Europa.

„Web 2.0 – Blase oder Big Business?“ – eine eindeutige Antwort brachte auch die Diskussionsrunde, die viel zu schnell zu Ende war, nicht. Aber viele spannende Einblicke und einige nützliche Expertentipps für webzwonullige Gründer – in intensiven Gesprächen ging der Austausch dann am Buffet weiter.
Als Fazit kann man beinahe die Relativierung der provokanten Leitfrage des NUK-Themenabends durch Pressesprecher Ulrich Becher gelten lassen, der eingangs in seiner Begrüßung auf die zahlreichen Angebote des GIZ für Gründer hingewiesen hatte: „Es muss ja nicht immer gleich Big Business sein – wenn ein Unternehmen dauerhaft schwarze Zahlen schreibt, ist das ja auch ein schöner Erfolg!“

Die Agenda des Abends können Sie hier herunterladen (PDF-Dokument, 421 KB).

 

Wir danken dem Sponsor der Veranstaltung, dem GIZ Gründer- und Innovationszentrum im TechnologiePark Köln!

 

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