8. März 2007

Jobs schaffen statt suchen

Wenn Studierende ihre eigene Firma gründen wollen, brauchen sie Kreativität und Kapital
Kölner Stadt-Anzeiger, 06.03.2007

Vom Hörsaal in den Chefsessel? Bei Gründerspielen lernen Studenten, welche Schritte auf dem Weg zum eigenen Unternehmen wichtig sind.

Jörg Püschel ist ehrlich: „So wie Sie es jetzt planen, geht Ihnen ganz schnell die Luft aus“, prophezeit der Diplom-Wirtschaftsingenieur und Unternehmensberater der Sparkasse KölnBonn. Vor ihm stehen fünf Studenten, die versuchen, den Experten von ihrer Unternehmensidee zu überzeugen. Denn dafür brauchen sie Startkapital von dem Banker. Einen Fahrradladen namens „My Bike“ wollen sie eröffnen, die Räder auch selbst produzieren.

Fehler sind erlaubt

Die Verhandlung, die das Team heute führt, gehört zum Gründerplanspiel „Spiel den Boss“ – ein Angebot des „Hochschulgründernetzes cologne“ für Studierende. Im Wettstreit um das beste Konzept gewinnen die Teilnehmer Einblicke in alle wichtigen Bereiche der Existenzgründung. Am Anfang steht ein überzeugender Businessplan, am Ende die Wettbewerbssimulation.
Der Finanzexperte von der Sparkasse ist zwar kritisch, macht dem Team aber auch Mut: „Bei einer Existenzgründung bekommen Sie das Geld am leichtesten am Anfang.“ Die fünf sind nervös, denn es ist gar nicht so leicht, den Geldgeber von ihrer Idee zu überzeugen. Doch sie dürfen es sich leisten, Fehler zu machen und Unsicherheiten zuzugeben – schließlich sind sie zum ersten Mal in so einer Situation.
Frank Linde ist Professor am Institut für Informationswissenschaft und leitet das Seminar: „Hier herrscht ein starker Bezug zur Praxis. Wir arbeiten so nah wie möglich an der Realität“, sagt er. Vieles, was die Studenten sonst nur theoretisch lernen, könnten sie hier anwenden. Diesen Eindruck bestätigen auch seine Studenten. „Uns ist jetzt viel klarer, wie komplex eine Existenzgründung ist und wie viel Zeit, Energie und Wissen man investieren muss“, sagt Michelle Weber (21). Keiner aus ihrem Team denkt schon konkret daran, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Alle sind sich aber sicher, Chancen und Risiken jetzt besser einschätzen zu können. „Wir würden wohl nicht mehr blauäugig in unser Verderben rennen, das Spiel hat uns auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt“, sagt Björn Ollhäuser.
Während in den USA Hochschulangebote rund um Unternehmertum und Firmengründungen schon seit mehr als 40 Jahren existieren, taten sich deutsche Universitäten lange schwer auf diesem Gebiet. Erst 1997 wurde der erste Lehrstuhl für Gründungsmanagement eingerichtet. Heute sind es bereits mehr als 50 – und es werden immer mehr. Frank Linde macht Studenten, die von der Selbständigkeit träumen, Mut: „Ein Studium bietet den idealen Boden für eine Existenzgründung. Man erlangt das nötige Wissen und hat vor allem die Zeit, eine gute Idee in die Tat umzusetzen. Dann studiert man vielleicht zwei Semester länger, hat aber viel erreicht“, sagt der Professor.

Das kann Malte Klocke nur bestätigen. Der 27-Jährige studiert Betriebswirtschaftslehre an der Universität zu Köln. Im Wintersemester nahm er an einem Hauptseminar namens „Project and Venture Planning“ teil. Auch hier galt es, Ideen für ein eigenes Unternehmen zu entwickeln, einen Business Plan zu erstellen, Chancen und Risiken abzuwägen. Klockes Geschäftsidee ist ein Internet-Lernportal: „Es soll eine Plattform für Lehrvideoclips sein, die jeder kostenlos anschauen und auch selbst hochladen kann. So etwas gibt es bisher im deutschsprachigen Raum noch nicht“, erklärt Klocke. Gemeinsam mit zwei Kommilitonen entwickelte er die Idee von „videotomie.de“ im Rahmen des Seminars weiter. End- und Höhepunkt war die „Trade Fair“-Messe, die die Studenten selbst organisierten und auf der sie ihre Idee präsentierten. Das Hochschulgründernetzwerk Cologne prämierte im Anschluss daran die beste Idee. Malte Klocke und seine Mitstreiter bekamen für ihr Projekt den „Trade Fair Award“ und eine Siegerprämie von 1000 Euro. Gerade kam noch ein Förderpreis von „NUK Neues Unternehmertum Rheinland e.V.“ dazu.

Doch mit diesen Erfolgen gibt sich der 27-Jährige nicht zufrieden. Er will seine Idee von der Theorie in die Tat umsetzen. Zurzeit sucht er Sponsoren, die sein Internetportal unterstützen, am 15. März soll die Seite schon online gehen. Er ist sich sicher, dass jetzt genau der richtige Zeitpunkt ist, diesen Weg zu gehen: „Das Studium ist dafür perfekt. Man verfügt über Netzwerke, das nötige Wissen und hat Zeit, das alles in die Tat umzusetzen. Und ich kann mein theoretisch erworbenes Wissen parallel in der Praxis anwenden. Wenn ich heute noch einmal anfangen würde zu studieren, würde ich diesen Schritt schon viel früher gehen.“

Hier gibt es Hilfen auf dem Weg in die Selbstständigkeit:
[…]
„NUK Neues Unternehmertum Rheinland e.V.“ schreibt jährlich einen Businessplan-Wettbewerb in mehreren Stufen aus. Ein Einstieg in den aktuellen Wettbewerb ist jederzeit möglich.

Info: www.n-u-k.de

(Anne Burgmer)


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