19. Oktober 2006

Mit NUK aus dem Elfenbeinturm in die Selbstständigkeit

Wettbewerbsteinahme half Ulrich Canzler auf dem Weg vom Wissenschaftler zum Existenzgründer

Kölner Stadt-Anzeiger, 17.10.2006

„Dieser junge Gründer hat ein System entwickelt, von dem wir Anwesenden hoffen, es nie in unserem Leben brauchen zu müssen“, bemerkte Dietmar Peter Binkowska, NUK-Vorstandsvorsitzender und stellvertretender Vorstand der Sparkasse Köln-Bonn in seiner Laudatio auf Ulrich Canzler, den Gewinner des NUK-Businessplan-Wettbewerbs 2005. Eine innovative Geschäftsidee, für die es keinen Markt gibt, soll preiswürdig sein?

Ganz so ist es nicht: Der junge Aachener Informatiker hat in drei Jahren Entwicklungszeit eine videobasierte Software ausgetüftelt, mit der Schwerbehinderte etwa mit dem Hochziehen der Augenbraue oder einem Kopfnicken ihren Rollstuhl sowie andere Healthcare-Geräte steuern oder im Internet surfen können. Man braucht dazu nur ein handelsübliches Notebook und eine Webcam: Eine frontal vor dem Kopf angebrachte Kamera analysiert in Echtzeit die Mimik des menschlichen Gesichts und setzt sie zuverlässig und reaktionsschnell in Bewegungsimpulse um. Das kostengünstige, mobile System beeinträchtigt den Anwender kaum und bedeutet für Menschen, die z. B. nur noch die Kontrolle über ihre Kopfhaltung oder ihre Gesichtsmuskeln haben, ein großes Plus an Selbstständigkeit und Lebensqualität.
Doch wie sollte Ulrich Canzler seine bahnbrechende Entwicklung in ein tragfähiges Geschäftskonzept umsetzen? „Ich war zu dieser Zeit Doktorand, saß in meinem Elfenbeinturm und hatte mit der Praxis wenig zu tun. Betriebswirtschaftlich war ich sehr unerfahren. Die Teilnahme am NUK Businessplan-Wettbewerb bedeutete für mich deshalb eine steile Lernkurve.“

Defizite ausgleichen

Angehende Unternehmer, die aus der Forschung kommen, müssen es sich oft erst aneignen, ihre Geschäftsidee auch wissenschaftlichen Laien verständlich zu machen – der dreistufige Businessplan-Wettbewerb ist dabei eine manchmal harte, aber gute Schule.
Zum NUK-Netzwerk, das Gründern während des gesamten Wettbewerbs in regelmäßigen Meetings, Workshops, Seminaren und bei Vorträgen zur Seite steht, gehören Unternehmens- und Steuerberater, Rechtsanwälte und Finanziers. „Im Wettbewerb habe ich Nutzen und Wirtschaftlichkeit meiner Erfindung kritisch hinterfragt. Durch die anregenden Diskussionen mit den Beratern aus dem Netzwerk und die positive Resonanz habe ich mich in meinem Vorhaben schnell bestärkt gefühlt“, erinnert sich Ulrich Canzler.

Umgekehrt kann sich während der Erarbeitung eines Businessplans herausstellen, dass eine Geschäftsidee angepasst oder sogar aufgegeben werden muss, weil sie sich als unausgereift oder unrentabel erweist.
Die Mühe lohnt sich also in jedem Fall, auch wenn man nicht mit einer Auszeichnung aus dem Wettbewerb geht. Ulrich Canzler über die Vorteile einer Teilnahme: „Viel wichtiger als die Siegprämie sind die Kontakte, die man bei NUK knüpfen kann und die eigene Vertrauensbildung in die Marktfähigkeit des Konzeptes. Außerdem eignet man sich betriebswirtschaftliches Know-how an und hat als Ergebnis einen Businessplan inklusive Finanzierungskonzept für die ersten fünf Jahre, mit dem man Geldgeber überzeugen kann.“
Mit seiner Firma CanControls hat Ulrich Canzler gute Wachstumsprognosen. Inzwischen hat das Spin-Off-Unternehmen der RWTH Aachen zwei Vollzeit- und zwei studentische Mitarbeiter, mit denen Ulrich Canzler seine ursprüngliche Idee weiterentwickelt hat: Mimikgesteuerte Rollstühle mit integrierter Hard- und lernfähiger Software, GPS-gestützt und mit eingebautem Alarmsystem stehen kurz vor der Serienreife und sollen voraussichtlich schon nächstes Jahr europaweit vertrieben werden. Daneben sind weitere Anwendungsmöglichkeiten denkbar: Das System könnte auch dazu eingesetzt werden, Autofahrer am Steuer zu überwachen und so vor dem gefährlichen Sekunden-Schlaf zu warnen. Auch Gebärden könnten nach dem Ausgangsprinzip von CanControls automatisch in Lautsprache übersetzt werden.

Gründungsmotor

Angesichts dieses Potenzials blieben weitere Auszeichnungen nicht aus: Ulrich Canzler wurde 2. Landessieger beim StartUp-Wettbewerb 2006 und mit dem Wolfgang-Heilmann-Preis 2006 für humane Nutzung der Informationstechnologie geehrt. Seine Teilnahme am NUK Businessplan-Wettbewerb war rückblickend wesentlich für seinen Erfolg: „Das war für mich deshalb so wichtig, weil ich bei diesem Wettbewerb erstmals sehr strukturiert eine mittel- und langfristige Vorgehensweise für mein Gründungsvorhaben entwickelt habe. Und auch noch zu gewinnen – das hat mir einen gewaltigen Schub gegeben.“

(Sandra Mennig)

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